Story-Modus
Der Zyklop
Ein Riese beobachtet eine schlafende Nymphe über einen blühenden Bergrücken hinweg. Redon verwandelt ihren Größenunterschied und unerwiderte Liebe in eine traumartige Begegnung.
- Ein Riese späht über einen Berg. Er ist verliebt.
- Ein riesiges Auge. Für Redon stand es oft für die Seele.
- Das ist Galatea, eine Meernymphe. Sie schläft. Sie liebt einen anderen.
- Überall süße Farben. Laut Museum machen sie ihn bedrohlicher.
- Er: riesig. Sie: winzig. Ein ganzer Berg dazwischen.
- Bei Ovid zerquetscht er ihren Geliebten unter einem Felsen. Redon malt nur das Zusehen.
Der Zyklop ist ein Gemälde von Odilon Redon aus der Zeit um 1914, in dem der einäugige Riese Polyphem die schlafende Meeresnymphe Galatea hinter einem Berg hervor beobachtet; es gehört dem Kröller-Müller Museum in Otterlo in den Niederlanden.
Was zeigt Redons Der Zyklop?
Ein riesiges Auge erscheint über dem Bergrücken, während unten eine kleine Gestalt zwischen Blumen schläft. Redon versetzt den Zyklopen Polyphem und die Meeresnymphe Galatea in eine Landschaft, die einem Traum anzugehören scheint. Ihr Größenunterschied wirkt sofort beunruhigend.
Das Auge zieht den Blick an, noch bevor wir den halb verborgenen Körper des Riesen wahrnehmen. Seine dunkle Mitte hebt sich vom warm getönten Gesicht und dem blassen Himmel ab. Der runde Kopf kann sanft wirken, doch der starre Blick auch aufdringlich. Das Bild lässt beide Empfindungen zu.
Warum ist das Auge des Zyklopen so groß?
Galatea schläft und ahnt nichts von dem Beobachter über ihr. Ihr heller Körper ist von dichten Farbflecken umgeben. Der Gegensatz zwischen ihrer Ruhe und seiner Wachsamkeit erzeugt Spannung, ohne dass eine sichtbare Konfrontation stattfindet.
Ein großer Teil der Erzählung liegt in der Farbe. Blumen, Grün, Gelb und neblige Formen verschmelzen zu einem erdachten Gelände. Die Landschaft beschreibt keinen erkennbaren Ort, sondern lässt Farbe und Textur die Stimmung der Begegnung tragen.
Das Kröller-Müller Museum nennt das unnatürlich große Auge den auffälligsten Teil des Gemäldes und erklärt, dass das Auge in Redons Werk oft ein Symbol der menschlichen Seele und der geheimnisvollen, unbekannten Innenwelt ist. Das Auge könnte also zwei Aufgaben zugleich erfüllen: Galatea belauern und ein Fenster in die eigene Innenwelt des Riesen öffnen. Das Museum fügt hinzu, dass die ungewöhnlich leuchtenden Farben die Bedrohung durch den Riesen verstärken, oder vielmehr durch das Auge. Die Süße der Blumen hebt die Gefahr nicht auf. Sie schärft sie. (Kröller-Müller Museum)
Wie hat Redon Der Zyklop komponiert?
Der Größenunterschied hält die beiden Gestalten auseinander. Polyphem ragt hinter dem Bergrücken auf; Galatea liegt unten in einem kleinen geschützten Bereich. Der Berg verbirgt den Riesen und bildet zugleich eine Barriere zwischen ihm und der Schlafenden.
Im Mythos bleibt Polyphems Liebe zu Galatea unerwidert: Sie liebt Acis. Redon lässt diese größere Geschichte außerhalb des Bildes. Er konzentriert sich auf das Beobachten und verwandelt eine mythologische Episode in eine Begegnung, deren Ausgang unsichtbar bleibt.
Wie geht der Mythos weiter?
Als Symbolist erkundete Redon inneres Erleben mit Fantasie und Andeutungen. Das übergroße Auge kann hier mehr als ein anatomisches Merkmal sein: Es verleiht dem Beobachten eine fast eigenständige Präsenz. Die leuchtende Landschaft macht die seltsame Szene zugleich anziehend und beunruhigend.
Redon hält die Geschichte an, bevor sie gewaltsam wird. In Ovids Metamorphosen erzählt Galatea selbst, was danach geschah. Polyphem, der auf einem Hügel singt, entdeckt sie mit Acis, reißt ein gewaltiges Stück aus dem Berg und schleudert es; es begräbt den jungen Mann. Blut sickert unter dem Felsen hervor, und Galatea tut das Einzige, was die Schicksalsgöttinnen erlauben: Sie verwandelt Acis in einen Fluss, der seinen Namen trägt. Nichts davon hat Redon gemalt, nur das Beobachten. Das um 1914 entstandene Bild, etwa zwei Jahre vor seinem Tod 1916, zählt das Kröller-Müller Museum zu den Meisterwerken der symbolistischen Kunst. (Perseus Digital Library (Ovid, Metamorphoses 13))
Polyphem bleibt halb hinter dem Bergrücken verborgen, während Galatea unten schläft. Die Distanz zwischen ihnen lässt uns über seine Wachsamkeit, ihre Ahnungslosigkeit und die Schönheit der Landschaft nachdenken. Keine abschließende Geste entscheidet zwischen diesen widerstreitenden Eindrücken.
Die Details im Überblick
Quellen und weiterführende Lektüre
- Der Zyklop — Kröller-Müller Museum
- Biografie des Künstlers: Odilon Redon (Wikipedia, Englisch)
- Der Zyklop (Wikipedia, Englisch)
Durchstöbern Sie jede Gemäldegeschichte · Häufig gestellte Fragen